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Santiago an der Nordsee

Im Jahr 2001 rief mich der Weg.
Es war nicht sein erster Ruf, auch nicht der erste, den ich erwiderte. Es war jedoch das erste Mal, dass ich den Weg bis an sein Ende ging. Dass ich bis ans Ende der Welt ging. Der Zufall (oder das Leben) wollte, dass ich gerade am Bodensee war, als er rief. Der Zufall und das Leben wollten, dass es Winter wurde, als ich mich auf den Weg machte.

Tage, Wochen, Monate war ich unterwegs und mit mir alleine. Zeit, in die eigenen Geschichten und die des Weges hineinzuhören. Sie aufzuschreiben, ihnen eine Form zu geben ist wieder eine Reise, ein Weg, den ich auch zu Ende gehe.

Aufbruch

Stundenlang irrte ich durch Konstanz ohne aus der Stadt hinauszufinden. Nach acht Wochen sollte ich die Stadt besser kennen, doch alle Straßen erschienen mir fremd. Als ich endlich eine Wandermarkierung entdeckte, führte die Straße nach Norden. Nach Norden? Santiago lag doch im Südwesten?

Ich folgte dem Weg durch grünes Hügelland, das sich bis zum Horizont ausstreckte. Endlich erreichte ich ein Dorf. Ich kehrte in eine Herberge ein, um mich zu stärken. Die Wirtstochter presste den Weinkrug an den drallen Busen, bevor sie ihn auf den blankgescheuerten Holztisch mehr knallte als stellte.

Ich war nicht allein. Unter dem schwarzen Umhang meines Tischpartners lugten die blanken Knochen hervor, aus leeren Augenhöhlen starrte er mich an.
Gevatter Tod.
Ich schnellte hoch.
Mein Platz ist nicht an seiner Seite, ich gehöre zu den Lebenden! Auf der Stuhlkante nahm ich wieder Platz, meine Neugierde war stärker als meine Angst. Was bedeutest du mir, Gevatter Tod? Begleitest du mich nach Santiago? Könnte ich sein fleischloses Geklapper nur entschlüsseln!

Übermüdet wachte ich auf. Noch könnte ich hier bleiben und meinen Rucksack wieder auspacken. Ich könnte. Ich konnte nicht, ich musste auf den Weg. Ich musste mich dem, was kam stellen. Und dieser Traum sagte mir, dass so einiges auf mich zukommen würde. Nur was?

So schloss ich denn die Tür hinter mir und steuerte den Treffpunkt am Konstanzer Münster an, auf dem die Pilger einst und jetzt traditionell verabschiedet wurden.
...
"Anna?", Jan wich zurück, als ich mich ihm vorstellte. Als kenne er mich, aber auch, als sehe er einen Geist. Das weckte meine Neugierde.
"Du siehst meiner Pilgerfreundin Anna ähnlich."
Das erklärte das Wiedererkennen, aber nicht den Geist.
"In Wanderkleidung ähneln wir uns alle irgendwie." Schön belanglos bleiben, mir war auch nicht so nach Geistern.
"Ja, aber diese Anna…"

Bevor er seinen Satz beenden konnte, klatschte Heinz in die Hände und führte uns in die Moritzrotunde neben dem Konstanzer Münster. Im Mittelalter wurden hier die Pilger gesegnet und verabschiedet. Hier standen wir auch heute und empfingen von Heinz vor der Skulptur des heiligen Jakobus unseren Segen: Nimm diesen Stab zur Unterstützung deiner Reise und deiner Mühen für deinen Pilgerweg, damit du alle Feindesscharen besiegen kannst. Nimm diese Tasche als Zeichen deiner Pilgerschaft, damit du geläutert und befreit zum Grab des Heiligen Jakobus gelangen mögest, zu dem du aufbrechen willst.

Was für die Kurzpilger, in deren Gesellschaft ich aufbrechen wollte, wohl eher Folklore war, prägte ich mir für meine monatelange Wanderschaft ein. Welche Feindesscharen würde ich besiegen müssen? Wovon würde der Weg mich läutern und befreien?
"Dieses Empfehlungsschreiben kann dir vielleicht weiterhelfen." Heinz drückte mir einen versiegelten Umschlag in die Hand. "Für alle Fälle, man kann ja nie wissen." Ich faltete den Brief auseinander und las. Ich bitte Sie, Frau Grütte auf ihrem Weg nach Santiago de Compostela, zum Grab des Apostels alle erdenkliche Unterstützung zukommen zu lassen und ihr auf der Suche nach geeigneter Unterkunft behilflich zu sein.

Ich kam dem Mittelalter immer näher. Dies würde auf alle Fälle ein spannendes Abenteuer werden. "Es gibt unter uns Pilgern also noch eine Anna?", nahm ich mein Gespräch mit Jan wieder auf. "Anna starb mit 37 Jahren. Santiago hat sie nie erreicht." An diesem Oktobersamtag, an meinem siebenunddreißigsten Geburtstag, brach ich nach Santiago auf.

Man hatte mich gewarnt.
Vor den Hunden.
Vor dem Winter.
Vor der Einsamkeit.

Man hatte mich nicht vor dem Tod gewarnt. In der Herbstsonne ging ich mit den andren aus der Stadt hinaus, in mir war es jedoch alles andre als sonnig. Wenn er sich nicht geirrt hat, der Tod, wird er mich wieder finden. Warum hatte der Weg mich gerufen? Was wollte er mir sagen? Welche Prüfungen wollte er mir auferlegen?

(Wenn Sie weiterlesen möchte, schicken Sie mir eine Email.)